GASTKOMMENTAR
Dr. Rüdiger Werner
Gedanken zum Wahlkampf
Da ich nicht mehr selbst zur Wahl stehe, erlaube ich mir, in Zukunft den einen oder anderen Gastkommentar zum politischen Geschehen in Rödermark auf dieser Plattform abzugeben.
Am Sonntag wird gewählt, der Wahlkampf ist im Endspurt. Was hat man als außenstehender Bürger vom bisherigen Wahlkampf mitbekommen?
Plakate
Da sind zum einen die unzähligen Plakate im Stadtgebiet. Jeder freie Laternenmast ist zugepflastert (und verbotenerweise auch viele Pfosten von Verkehrszeichen). Ich kann ja verstehen, dass man zeigen will: uns gibt es auch, wir stehen zur Wahl, wir sind aktiv. Aber ganz ehrlich: müssen die Plakate so nichtssagend sein, müssen sie so unansehnlich sein?
Da ist zum einen die CDU. Okay, die Gestaltung ist professionell, aber die Inhalte? Die Beste Wahl. Wir. Gemeinsam. Für Rödermark. Was soll mir das sagen? Aber was soll eine Partei auch inhaltlich sagen, die gefühlt seit über 70 Jahren mit einer kleinen Unterbrechung an der Macht ist. Das Ergebnis der Politik sind ein Fehlbetrag von 50 Millionen € bis 2030. Man kann also schlecht neuere Erfolge auf den Plakaten darstellen und kann auch schlecht die bisherige, eigene, Politik kritisieren. Also: Gemeinsam für Rödermark.
Genauso gut verzichten kann man auf die Plakate des Koalitionspartners, von AL/Die Grünen. In den vergangenen Wahlkämpfen sah man Themenplakate, sah man Plakate, die man wiedererkennen und schnell zuordnen konnte. Und 2026? Bla Bla Blub! Da sind die Plakate plötzlich gelb oder orange, wo man schon denkt, wo ist denn das Logo von FDP oder Freien Wählern. Man muss schon genau hinschauen, um sie als AL-Plakate zu identifizieren. Da steht dann ein markanter Spruch und die Erklärung, die Pointe, ist winzig klein darunter abgedruckt. Weder vom Auto noch vom Fahrrad aus lesbar. Leute, ich halte doch nicht an, um ein Plakat im Detail zu lesen und zu verstehen! Wo ist die Grüne Farbe, wo ist der Wiedererkennungswert geblieben? ‚Zukunft gestalten‘ lautet die zweite Plakatserie. Gestalten will jeder Kommunalpolitiker, aber wenn man die Zukunft gestalten will, sollte man nicht jeglichen Gestaltungsspielraum durch zu hohe Ausgaben in den letzten 15 Jahren verspielen.
Der Wiedererkennungswert ist bei der SPD zweifelsohne vorhanden. Auch sind die Plakate professionell gemacht. Die SPD setzt auf die vertrauten Köpfe und auf nichtssagende Sprüche. Soziale Politik für Rödermark. Was heißt das konkret? Was würde die SPD ändern? Wo unterscheidet Sie sich? Diese Plakate sind recyclebar, die könnten auch von 2016 sein oder von 2031. Da ist nichts Aktuelles.
Die Freien Wählern stechen mit Orange heraus und setzen ebenfalls auf Köpfe, wobei durch den knalligen Hintergrund auch die Köpfe irgendwie Orange wirken. Der Hauch von Handgemachten, Unprofessionellen passt zwar zu Ihnen, doch eine Oppositionspartei mit Ambitionen darf ruhig frecher in den Aussagen sein.
Die FDP ist zwar deutlicher in manchen Aussagen, dennoch wirken auch diese Plakate mit dem knallig gelben Hintergrund irgendwie altbacken, nicht frisch und modern. Auch diese Plakate sind wenig überzeugend und werden nach meiner Auffassung kein Argument für eine Wahlentscheidung sein.
Bleibt die AfD. Die AfD verzichtet auf Köpfe und setzt mit ihren optisch professionellen Plakaten auf Sprüche. Versprechen halten und das machen, was die CDU verspricht, denn auch der Nachbar wählt AfD. Man setzt ein wenig auf Märtyrertum und will anders sein, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wie das in der Praxis aussehen soll. Für jemanden, der seine Heimatstadt liebt, kann das nicht überzeugend sein.
Fazit: 6 Wahllisten, 6 Plakatserien, kaum Inhalte. Diese Plakatkampagnen sind so nichtssagend wie noch nie in den letzten Jahren. Im Grunde genommen wurde hier für mehrere Tausend Euro Plastikmüll produziert. Plakate sind eigentlich nur noch dazu da, um zu zeigen: wir stehen auch zur Wahl und sind in der Lage, dass Stadtbild mit Hunderten Plastiktafeln zu verschandeln. Wenn man es nicht macht, könnte ja jemand denken, die gibt es gar nicht mehr. Ich glaube allerdings, die Wirkung von Plakaten wird überschätzt.
Wurfsendungen, Wahlprogramme, Aktionen
Vielleicht überzeugen mich ja die Flyer und Broschüren, die im Briefkasten gelandet sind.
Auch hier stelle ich fest: irgendwie ist das weniger geworden. Gut, möglicherweise haben nicht alle Wurfsendungen den Weg in meinen Briefkasten gefunden, so dass mein Urteil nicht vollständig ist.
Meine Erwartung ist, dass mir die Personen, die gewählt werden wollen, kurz vorgestellt werden und ich die wichtigsten Punkte des Wahlprogramms aufgezeigt bekomme.
Von der CDU hatte ich diesmal keine Hochglanzbroschüre in den Händen, die mir die Kandidaten näherbringt, sondern nur einen 6-seitigen DIN A4-Falzflyer mit Bildern und rudimentären Infos zu den Kandidaten. Gut sind die QR-Codes, die auf Kurzvideos der Kandidaten führen, aber ob die sehr oft aufgerufen wurden? Auf der Homepage finden man noch eine weiteren 4-seitigen Falzflyer in Form einer Wurfzeitung, die bei mir aber nicht im Briefkasten gelandet ist. Das Wahlprogramm auf der Homepage ist kurz, lässt viele wichtige Punkte wie z.B. Klima, Natur, Umwelt komplett außen vor.
Mehr meinen Erwartungen entsprochen hat hier die AL. Hier habe ich ein klassisches Kandidatenprospekt erhalten. Noch im letzten Jahr lag eine Wurfzeitung im Briefkasten, es gab einen 4-seitigen DIN A4-Falzflyer mit allen Kandidaten und der Kurzfassung des Wahlprogramms und einen kleinen Flyer zur Kreiswahl. Alles ansprechend gemacht. Die AL ist die einzige Partei, die den Themen Klima, Umwelt und Natur noch einen Raum gibt. Vor 5 Jahren war das noch anders, da war das Thema viel präsenter.
Von der SPD habe ich nur einmal Post bekommen, wo mir die Kandidaten vorgestellt wurden. Allerdings habe ich kaum Infos über die Personen erhalten. Wenn ich wissen will, was Soziale Politik für Rödermark bedeutet, muss ich auf die Webseite, die mit Infos allerdings auch sehr sparsam umgeht.
Ebenfalls sehr spärlich sind die Informationen von Freien Wählern und FDP. Von der FDP habe ich immerhin die wichtigsten Ziele sowie die Kandidaten vorgestellt bekommen, bei den Freien Wählern kam nur das sehr knappe Wahlprogramm in Form eines DIN A5-Flyers im Briefkasten an. Über die Kandidaten erfährt man nichts. Auch auf der Homepage erfährt man nichts. Dafür punkten die Freien Wähler wohl mit dem fleißigsten Straßenwahlkampf. Jedenfalls habe ich sie häufiger irgendwo stehen sehen als die Konkurrenz.
Von der AfD hatte ich nichts im Briefkasten und bin auch nicht traurig darüber.
Kandidaten
Eine Beurteilung der Kandidaten ist eine persönliche Sache und kann nie objektiv sein. Da ich rund 80 % der Kandidaten persönlich kenne, werde ich auch keine persönlichen Statements abgeben.
Die CDU hat es geschafft, eine äußerst attraktive Liste mit vielen aus der Stadtgesellschaft bekannten Personen aufzustellen. Es ist die jüngste Liste. Nur was bringen viele tolle Personalien auf der Liste, wenn man in der Praxis das Gefühl hat, die Politik wird seit 15 Jahren von 2 Personen gemacht: dem heutigen Bürgermeister und dem Fraktionsvorsitzenden. Der Beobachter kann zur Auffassung kommen, der Rest ist nur Staffage. Ich kann nur hoffen, dass die neue Stadtverordnetenversammlung uns eines Besseren belehrt.
Die AL ist in die Jahre gekommen. Der Kern der Truppe ist seit vielen Jahren gleich. Trotz einiger weniger jungen Kandidaten (nur 4 von 38 sind unter 30 Jahre) fehlt hier der Nachwuchs. Das Problem haben aber die meisten anderen Parteien auch. Selbst die AL schafft es nicht mehr, gleich viele Frauen wie Männer auf die Liste zu bekommen (13 von 38). Noch sind viele zur Wahl stehenden Personen aus dem Stadtleben bekannt.
Gleiches gilt auch für die SPD, die es in Rödermark auch schon seit längerem nicht mehr schafft, Bürger für das politische Engagement zu begeistern. Auch hier fehlt die junge Generation komplett, fehlen die neuen Namen. Auch sind die zur Wahl stehenden Personen im Stadtleben nicht so prominent, wie die Kandidaten von CDU und AL.
Die älteste Liste stellen die Freien Wähler. Die beiden führenden Köpfe sind zwar mittleren Alters, das Gros der Gruppe ist aber im Rentenalter. Zwar sind viele Freie Wähler aus der Vereinswelt bekannt, die Nachwuchssorgen sind aber unübersehbar.
Einige neue Namen gibt es bei der FDP. Allerdings sind die meisten Namen relativ unbekannt, was beim Panaschieren die Chancen schmälert. Dafür ist die FDP altersgemischt, die Zahl der Rentner ist prozentual kleiner als bei AL, SPD und Freien Wählern. Sowohl Freie Wähler als auch FDP haben einen geringeren Frauenanteil als die anderen drei Parteien.
Die AfD hat die kürzeste Liste, da sich viele Mitglieder aufgrund von möglichen Repressalien und Nachteilen nicht trauen, offen für die AfD zu kandidieren. Daher findet man auch fast nur aus dem Stadtleben unbekannte Namen auf der Liste. Auch hier wage ich die Prognose, dass Panaschieren eher die Ausnahme sein wird.
Allgemeines Fazit
So richtig vom Hocker gehauen hat dieser Wahlkampf niemanden. Die Finanznot ist so groß, der Gestaltungsspielraum ist so klein, dass kaum Themen angesprochen werden, kaum konkrete Versprechungen gemacht werden. Dadurch gibt es auch keine thematischen Reibungspunkte. Dabei hätte es solche Themen geben können. Die neue Stadtverordnetenversammlung muss z.B. eine Entscheidung treffen pro oder contra ortsnaher Umfahrung von Urberach. Hier hätte ich mir z.B. klare Positionierungen gewünscht. Auch das Thema Ansiedlung von Rechenzentren und Energieinfrastruktur am Umspannwerk wurde nur von 2 der 6 Parteien aufgegriffen. Es hätte genug Themen gegeben, wo man sich hätte positionieren können, ohne dass der Haushalt zusätzlich belastet wird. Wie man das 14 Mill. €-Loch im Haushalt 2026 schließen will, ohne die Grundsteuer zu verdoppeln, hat auch keine einzige Partei aufgegriffen.
Ich fand den Wahlkampf außerhalb der sozialen Medien irgendwie fade. Mir fehlten die Positionierungen, die Ehrlichkeit aufgrund der Probleme. Aus meiner Sicht wurden hier Chancen vertan. Glaubwürdig dargelegt, dass man die Probleme Rödermarks in den Griff bekommen kann, hat in meinen Augen niemand. Ich werde daher dieses Mal auch kein Listenkreuz machen, sondern nur Einzelpersonen wählen, von denen ich mir wünsche, dass sie mehr Einfluss erhalten. Denn ein „weiter so“ sollte es nicht geben.
Rüdiger Werner
12. März 2026